Die Angst des Regisseurs vorm Finale

Es ist Sonntag Nachmittag, die Sonne scheint, der Himmel ist strahlend blau, es ist ein wunderbar warmer Herbsttag.

Himmel entspannt
Himmel entspannt

Ich sitze auf der Terrasse der Pension und bin etwas verspannt.
Ja, verspannt.
Denn schon seit einigen Tagen mache ich mir Gedanken, wie ich das Stück szenisch zu Ende bringen kann. Morgen muss es sein: die Finalszene will gestellt werden!
Es hilft alles Rausschieben und Lamentieren, dass es diesmal besonders schwierig, ja nahezu unmöglich sei, nichts. – Ich werde im Kollegenkreis schon für meine Klagen belächelt, da es laut ihrer Aussagen bei jedem Stück für mich schwierig sei, was natürlich totaler Unsinn ist. 😉

Aber diesmal ist es besonders schwer.

Natürlich ist „das Ende“ der historischen Anne Frank klar:
Sie stirbt qualvoll im KZ Bergen Belsen.
Aber wir wollen ja noch etwas weiter gehen.
Einige Ideen, Bilder und Versatzstücke schwirren schon in meinem Kopf … Mal sehen, wie sie sich bis morgen ordnen und was das Ensemble an Einfällen mitbringt.

Himmel verspannt
Himmel verspannt

„Isch ab da ein paar winzisch Korrektür“

Das sagt eine gute Freundin und Regiekollegin immer nach einem Ablauf. Alle seufzen innerlich und wissen sofort, dass es zwei Stunden dauern wird, bis sie damit durch ist.

Schätzt doch mal, wie lange ich nach unserem ersten Doppel-Ablauf gestern (noch ohne Finale, einmal mit Julia und einmal mit Jana) brauchte, um meine „winzisch Korrektür“ an die Sängerinnen zu bringen!

P.s.: Es handelt sich bei dem Bild natürlich nur um einen Teil der Korrektür-Seiten. 🙂

Mein blaues Knie

Konzeptionsprobe Das Tagebuch der Anne Frank. Dienstag, der 13. September 2016, 18 Uhr. Theater in der Mühle. Alle sind da und warten.
Alle?
Nein: Dramaturgie, Ausstattung und Regie fehlen.
Einfach nicht da.
Das fängt schon mal gut an!

Verdammt, ich bin zu spät! Ich bin nämlich die Regie und spute mich, mit meinem Team noch einigermaßen pünktlich aufzuschlagen, aber die asiatische Gelassenheit der Kellnerin hat diesen Versuch schon vor mehr als fünf Minuten scheitern lassen.
Man mag es mir glauben oder nicht, aber ich hasse es generell, zu spät zu kommen und natürlich auch, wenn andere zu spät sind.
Zwei Momente Nähkästchen: Konzeptionsproben sind unter normalen Umständen schon eine psychische Ausnahmesituation. Man kommt an einen fremden Ort, kennt dort zumeist niemanden, versucht seine Ideen zu vertreten und möchte zeitgleich in wenigen Sekunden realisieren, mit wem man es zu tun hat und folglich wie die nächsten Wochen wohl laufen könnten. Man kommt sich während der Proben schnell nahe, zumal wenn es um ein Thema wie Anne Frank geht. Für den ersten Eindruck gibt es eigentlich keine zweite Chance. Das erzeugt Druck. Vermutlich nicht nur auf meiner Seite. Nähkästchen zu.

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Wir drei stolpern also in den Raum, grüßen kurz ins Plenum und ich fange an zu reden. Was eigentlich als logische Abfolge verschiedener Fakten und Gedanken von meinem Hirn vorbereitet und von meiner Hand in einem Notizbuch am Vormittag fixiert wurde, kommt nun einmal ordentlich durchgemixt aus meinem Mund. Ich rede und rede und …
Plötzlich ein Blick: Wer sind eigentlich die Leute, die da hinten sitzen? Vielleicht hätte man doch eine Vorstellungsrunde machen sollen wie geplant? Nicht für die Anwesenden, aber für mich.
Doch ehe mein Kopf den Gedanken aufgreifen kann, ist der Mund schon drei Sätze weiter, spricht über den Mythos Anne Frank, die heutige Mona Lisa, die Projektionsfläche. Ach ja, apropos Projektion: Video haben wir auch. Nein, ansonsten gibt es nichts auf der Bühne, abgesehen von Tablet, Sitzwürfel, Papier und Klebeband.
Nach und nach können sich die Zuhörer kreativ ein Gesamtbild des Konzeptes aus den Versatzstücken zusammenzimmern.
Sonst noch Fragen?
Ach ja: der Blog.
Während über ihn und die Vernetzung mit der Theaterpädagogik und den Jugendlichen gesprochen wird, lasse ich die vergangenen Minuten Revue passieren und schlage die Hände über dem Kopf zusammen – innerlich natürlich.

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Der Raum leert sich, Konzeption vorbei, Hürde eins genommen.
Nun ja, eher voll reingesprungen, aber irgendwie doch mit einem blauen Knie drüber gekommen.
Jetzt zum Eigentlichen: Die erste szenische Probe.
Durchatm… Und los!
„Am Freitag wachte ich schon um sechs Uhr auf…“

 

Nachtrag: Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme erst ab der zweiten Probe dazu.
(in variationem: Ödön von Horváth)