Kleine Quellenkunde

Das Tagebuch der Anne Frank – ein eindeutige Bezeichnung? Und entsprechend eine eindeutige Quellenlage? Nicht ganz.

Das Tagebuch hat seit seiner Entstehung viele Revisionsprozesse durchgemacht. Der erste stammt von Anne selbst: nachdem sie im Radio die Aufforderung hörte, man solle Briefe, Tagebücher und ähnliches sammeln, um sie nach dem Krieg als Zeitdokumente verwenden zu können, kam sie auf die Idee, ihr Tagebuch zu verlegen.
Deshalb legte sie 1943 ein zweites Tagebuch an. Dieses war eine redigierte Fassung ihres eigentlichen Tagebuchs.

Ihr Vater Otto Frank fertigte aus beiden Versionen eine dritte Fassung, die 1947 unter dem Titel Het Achterhuis (Das Hinterhaus) in den Niederlanden veröffentlicht wurde. Damals sahen die gesellschaftlichen Moralvorstellungen nicht vor, dass sich ein junges Mädchens über ihre Periode oder die Körperpflege ihrer Mitversteckten ausließ. Entsprechende Stellen in Annes Tagebuch wurden gekürzt. Außerdem wollte Otto Frank nicht, dass Stellen, in denen Anne negativ über ihre Mutter schrieb, veröffentlicht wurden. Das allgemeine Zeitdokument sollte über privaten Familiendetails stehen.

Das erste veröffentlichte Tagebuch war also nicht vollständig und in den folgenden Übersetzungen sah es nicht anders aus. In Deutschland etwa wurden einige abfällige Passagen über die Deutschen gestrichen. Erst 1986, nach Otto Franks Tod und unter Verwendung der Originaldokumente, gab das Niederländische Staatliche Institut für Kriegsdokumentation eine kritische Version heraus.

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2001 wurde das Tagebuch von Mirjam Pressler neu ins Deutsche übersetzt. Das ist die Ausgabe, die man erhält, wenn man beim Fischer-Verlag Das Tagebuch der Anne Frank kauft.

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Eine weitere Ausgabe, Anne Frank – Gesamtausgabe, enthält zudem Bilder, Briefe, fiktive Erzählungen Annes und ihre beiden Originaltagebücher. Der Unterschied zwischen beiden Versionen ist äußerst spannend und man merkt die eineinhalb Jahre, die zwischen den ersten Eintragungen und ihrer Überarbeitung liegen, deutlich. Anne fertigte nachträglich Einträge zu bisher fehlenden Daten an, ließ ihr unangebracht oder unwichtig erscheinende Passagen weg und feilte an ihrem Schreibstil.

Es ist vor allem das erste Tagebuch, das es mir angetan hat. Der Adressat ist hier allein sie selbst bzw. Kitty, nicht ein antizipiertes größeres Publikum, und entsprechend direkter und persönlicher sind ihre Sprache und ihre Beobachtungen.

Unsere täglichen Anne Zitate stammen daher weitestgehend aus dieser ersten Version.