Besuch bei Anne

Vorletzten Donnerstag ging es für mich auf eine vorerst letzte Anne-Mission. Meine Mutter und meine Großeltern wollten sich gern mit mir die Oper angucken. Sie interessieren sich für Vieles, was mit Kunst und Musik zu tun hat, und vor allem meine Großeltern sind in diesem Zusammenhang auch sehr offen und jung geblieben. Auf meinen Vorschlag hin fuhren wir deshalb nach Plauen, um uns eine Vorstellung von Das Tagebuch der Anne Frank anzusehen.

Ich hatte vorher nicht allzu viel über die Produktion berichtet. Alle drei erwarteten deshalb eine mehr oder weniger realistische Darstellung von Annes Leben – und wurden überrascht. Diese Überraschung schlug bald um in gebanntes Verfolgen, als die Oper ihren Lauf nahm.

Ich verlor währenddessen die Zeit aus den Augen und so ging es, glaube ich, auch meinen drei Begleitern. Gefesselt, sprachlos und dennoch unruhig saßen sie auf ihren Stühlen und brauchten nach dem langen Applaus noch einige Zeit, wieder zu sich zu kommen.

Was mich angeht, wie ihr aus meinen ersten Blogeinträgen noch herauslesen könnt, war ich am Anfang skeptisch. Meine Erwartungen waren ähnlich zu denen der Premierenklasse: generell wäre doch eine „realistische“ Darstellung besser als eine abstrakte … Oder?

Das Thema berührt an sich schon ungemein. Doch in dieser Oper, in dieser Umsetzung, wird es umso extremer. Eben weil es persönlicher wird, weil Jana und Julia in ihrer Rolle nicht nur kühl von Anne Franks Leben erzählen, sondern der Zuschauer Höhen und Tiefen ihrer Zeit miterlebt und Anne leibhaftig vor sich stehen sieht.

Natürlich sind Filme, die Anne Franks Leben im Hinterhaus real und dokumentarisch darstellen, auch wichtig. Doch Theater hat ganz andere Darstellungsmöglichkeiten. Theater kann auch abstrakt darstellen, und die Oper Das Tagebuch der Anne Frank erzählt zusätzlich mit der Musik des Orchesters.

Das Besondere an diesem Stück ist also, wie ich finde, dass es eben nicht „gewöhnlich“ wie viele der Filme über Anne ist. Es ist nicht so, wie man es erwartet. Es wurden so viele Gedanken, Überlegungen und Interpretationen eingearbeitet, dass es auf eine unangenehme Weise begeistert.

Meine Großeltern haben gesagt, es war ein guter Gedankenanstoß, sie reden immer noch darüber. Auch meine Mama sagte mir erst heute Vormittag, dass das Stück sie noch beschäftige.

Und genau das soll es doch bewirken, meiner Meinung nach. Nicht wie ein schwerer Brocken im Magen liegen und ein Thema sein, was man vermeiden möchte. Sondern eher etwas, das zum Nachdenken anregt – damit man Anne und ihre Geschichte nicht vergisst.

Aufnahme, die Zweite

Schon einen Tag nach meinem Interview mit Julia treffe ich Jana, um den zweiten Teil des Interviews zu führen. Obwohl ich sie schon kenne und mehr über sie weiß als zuvor über Julia, bin ich trotzdem neugierig auf die unterschiedlichen Antworten.

Beide haben vor allem am Anfang der Produktion viel zusammen geprobt, erzählt mir Jana, um die Art und Weise des anderen kennenzulernen, sich einiges abzuschauen und Tipps zu geben und zu bekommen.

Erwartungsvoll schalte ich das (mir jetzt bereits bekannte) Aufnahmegerät ein und beginne mit derselben Frage wie am Tag zuvor: Was hast du beruflich gelernt? Jana ist momentan noch Gesangsstudentin. Ganz im Gegensatz zu ihrem Kindheitstraum: Wissenschaftlerin. Nachdem sie diesen beiseitegelegt hatte, gab es ein Hin-und-her-gerissen-sein zwischen Geigenspielerin oder Opernsängerin. Sie entschied sich für letzteres, denn „bei Geige muss man sechs bis sieben Stunden am Tag üben… Und dann dacht‘ ich mir: Nee, ich singe doch lieber!“ Trotz des Studiums ist sie schon bekannt im Theater Zwickau, da sie nebenbei in vergangenen Spielzeiten schon in einigen Stücken als Sängerin mitgewirkt hat.

Obwohl Jana zugibt, kein Fan von modernen Inszenierungen zu sein, kommt sie doch erstaunlich gut mit der Umsetzung von Gregori Frids Oper klar. Die Person Anne Frank war für Jana wie für so viele andere auch zwar Schulstoff, aber nie wirklich mehr. Jetzt habe sie Anne als Person durch ihre Rolle mehr kennengelernt. Für Jana sei sie voller Widersprüche: die kindliche Anne handelte gleichzeitig so erwachsen, sie sei albern und kindisch und habe nebenbei tiefe philosophische Gedanken. Einige Charakterzüge von Anne erkennt Jana auch in sich selbst wieder. Doch sie meint, Anne wäre eben irgendwo ein ganz normales Mädchen gewesen, die auch über ihre ganz normalen Probleme schrieb – und damit könne sich fast jeder identifizieren. Da stimme ich Jana zu.

Bevor ich auch dieses Interview beende, muss ich auch bei Jana meine Frage zum Lampenfieber loswerden. Doch ich werde wieder enttäuscht: Wie Julia hat auch Jana kein Lampenfieber. Sie sei selbst ihre größte Kritikerin, und durch die unglaublich vielen Proben vor der wirklichen Aufführung entwickele sie so eine Routine, dass sie sich sicher fühle.

Na dann kann die große Premiere am Freitag ja kommen!

Fragebogen – Nelly

1. blaue Augen, schwarze Haare (Nein, leider nicht.)
2. Grübchen in den Wangen (Nein, wäre mir aber lieber als Pausbäckchen.)
3. Grübchen am Kinn (Nein.)
4. Dreieck auf der Stirn (Ich glaube nicht… So oft sehe ich mich ja nicht.)
5. weiße Haut (Im Gegensatz zu vergangenem Sommer – ja.)
6. gerade Zähne (Ja, dank langer Zahnspangenquälerei.)
7. kleiner Mund (Mittel.)
8. gebogene Wimpern (Ja.)
9. gerade Nase (Ich denke schon.)
10. hübsche Kleidung (Mal so, mal so, meistens einfach nur bequem.)
11. schöne Nägel (Ich versuch’s.)
12. intelligent (Das ist Ansichtssache.)


Ein Laie in der BO

Einen ersten Eindruck vom Bühnenaufbau und generell vom ganzen Ablauf des Stücks bekam ich am Montag in Plauen zur BO. BO, das ist die Bühnenorchesterprobe, wie Sascha schon sehr hilfreich in einem der letzten Blogeinträge erklärt hat. Das war die erste Probe, in welcher alle, im vornherein vorbereiteten, einzelnen „Puzzleteile“ zusammengefügt wurden – d. h., der Part der Sängerinnen, die Musik des Orchesters, das Bühnenbild und die Ton- und Lichttechnik, mitsamt der Projektion auf der Leinwand. Ganz schön viel. Und ganz schön spannend wie alles am Ende aussieht! Gespannt wartete auch schon die Premierenklasse, die auch wieder mit dabei war.

An sich war mir der Ablauf ja schon bekannt, doch bereits als Maxim das erste Mal seinen Taktstock schwang, stutzte ich.  Bisher hatte ich nur ihn am Flügel gehört, wie er Janas oder Julias Gesang begleitet hatte. An diese relativ weiche Atmosphäre, die das Klavier allein erzeugt hatte, war ich img_9468gewöhnt. Doch diesmal spielte das Orchester, bestehend aus sieben Musikerinnen und Musikern. Die Musik wirkte anfangs unheimlich schrill, schon fast unangenehm – doch damit natürlich umso wirkungsvoller.

In dieser Probe wurde das Hauptaugenmerk auf die Musik gelegt, welche deshalb sehr oft von Maxim als Musikalischem Leiter unterbrochen wurde. Für mich als musikalischen Laien waren die Fehler oft nicht hörbar, doch er als Profi entdeckte und korrigierte die winzigsten kleinen Unstimmigkeiten. Die Oper war schon „fertig“, sie benötigte nur noch den letzten Schliff, um alles perfekt zu machen.

Nach der Probe ging es zum Nachgespräch von Frau Liedtke, der Theaterpädagogin aus Plauen, und der Premierenklasse. Genauso wie ich waren alle von den dauernden Unterbrechungen und Wiederholungen überrascht, die sicherlich für alle anstrengend waren.

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Nachtrag:
Gestern war ich wieder in Plauen, diesmal zur Hauptprobe. Jana steckte jetzt im Kostüm, das Stück wurde diesmal mit so gut wie keinen Unterbrechungen gespielt und gesungen. Alles passt zusammen. Die Premiere kann kommen! Zumindest aus Sicht meiner Amateur-Augen.

„Also wenn die Zeit angezeigt wird, wird aufgenommen… Glaube ich.“

Ich komme mir schon ziemlich professionell vor – Aufnahmegerät in der einen, Zettel voller Fragen in der anderen Hand, auf dem Weg zu einem wichtigen Termin. Ich habe die Aufgabe, Jana und Julia, die beide Anne singen und spielen werden, zu interviewen. Aus dieser Aufgabenstellung kann man natürlich viel machen – was es nicht unbedingt leichter macht.

Nach einigen Überlegungen habe ich mir einige Fragen ausgedacht, die mich persönlich zu den beiden und zum Thema Anne Frank interessieren. Damit gewappnet treffe ich mich erst mit Julia, gespannt und ziemlich aufgeregt. Denn Julia habe ich bisher nur zur Konzeption vor einigen Wochen gesehen, aber weder eine ihrer Proben miterlebt noch sie richtig persönlich kennengelernt. Dementsprechend interessiert setze ich mich ihr gegenüber. Nach einigen Startschwierigkeiten mit dem Aufnahmegerät und mir geht es los.

Ich beginne mit meiner ersten, zugegeben relativ unspektakulären Frage: was sie denn beruflich gelernt habe. Julia hat Operngesang studiert, vor sechs Jahren die ersten großen Bühnenerfahrungen gemacht, erzählt sie. Sängerin werden war schon immer ihr Traum, wobei sie auch von ihren Eltern unterstützt wurde – und jetzt hat sie ihr Ziel erreicht und ist als Opernsängerin im Theater Plauen Zwickau angestellt.

Die Umsetzung von Das Tagebuch der Anne Frank findet sie sehr ansprechend für die Zuschauer, da keine geballte Grausamkeit des geschichtlichen Hintergrundes über sie hereinbreche, man aber trotzdem mittendrin sei. Es drehe sich alles direkt um die Person Anne. Das Unrecht werde nur angedeutet, bleibe aber trotzdem ständiger Begleiter.

Mich interessiert außerdem, wie Julia Anne Frank beschreiben würde, da sie nicht nur den Text singen, sondern Anne auch direkt verkörpern muss. Für Julia steht Anne als Person für Hoffnung und Optimismus. Sie sei nicht unterzukriegen, eine Kämpfernatur und halte an ihrem Glauben auf eine bessere Zukunft fest, meint Julia. Ein sensibles, melancholisches Mädchen, das ihrer Zeit und ihrem Alter deutlich voraus gewesen sein muss.

Obwohl Julia sich selbst nicht als Optimistin einschätzt, sieht sie zwischen sich und Anne doch Gemeinsamkeiten. Wie Anne sei sie eine Kämpferin, jedoch gefühlsbetont – das helfe ihr, sich in sie hineinzuversetzen und sie zu spielen.

Das Interview beende ich mit einer Frage, die ich schon immer mal großen Sängerinnen oder Schauspielern stellen wollte: Was macht man denn bei Lampenfieber? Julia hat kaum Lampenfieber, erzählt sie. Nur eine kurze gute aufgeregte Phase, ein paar Minuten vor dem Betreten der Bühne. Von Anfang an hat sie sich auf der Bühne wohl gefühlt und genießt die Zeit im Rampenlicht sehr – die ideale Voraussetzung für eine Opernsängerin.

Jetzt bin ich umso gespannter darauf, Julia in der Rolle der Anne zu erleben!

Kurzer Seitensprung

Obwohl es sich auf diesem Blog offensichtlich rund herum ums Thema Anne Frank dreht, werde ich heute kurz von einem anderen Probenbesuch erzählen. Denn trotz der vielen Arbeit für „nur“ diese eine Produktion, die wir hier festhalten, gibt es im Theater natürlich noch unglaublich viele andere Stücke, welche nebenbei auf die Beine oder auch auf die Bühne gestellt werden.

Wie auch Kiss me, Kate! – ein Musical, welches erst letzten Freitag hier in Zwickau in der Aula der Pestalozzischule Premiere feierte. Zu einer der letzten Proben durfte ich dabei sein, sowie auch bei der ersten Aufführung für die Schüler im Haus. Man kann das Stück nicht mit der Das Tagebuch der Anne Frank vergleichen, da weder die Themen noch die Umsetzung einander ähnlich sind.

hp-kateTrotzdem war ich begeistert! So viele Schauspieler und Sänger, überall auf der Bühne, was ich von Anne noch nicht kannte. Bunte ausgefallene Kostüme, mitreißende Musik des großen Orchesters, Tanz und Gesang und zwischendurch witzige Dialoge. Das totale Kontrastprogramm.
Spannend, wie unterschiedlich das Theater arbeitet.

Wer war Anne, wer ist Anne?

Anne Frank – ihr Name verkörpert so Vieles.

Leider wurde ich von meiner Schule kaum an das Thema herangeführt. Beim Thema 2. Weltkrieg wurde ihre Geschichte kurz erwähnt, all die schlimmen Dinge erzählt – und schnell weiter zum nächsten Thema. Deshalb war Anne Frank für mich immer eins der vielen Schicksale, jedoch zu weit weg, um alles wirklich zu begreifen.

Erst als mir zum Geburtstag das Hörbuch zu Anne Franks Tagebuch geschenkt wurde, kam ich wieder mit dem Thema in Berührung. Ich hörte die ersten paar Seiten, und hörte nicht wieder auf damit. Es fesselte mich, wie Anne geschrieben hatte, wie sie keine reine Dokumentation des Kriegs wiedergab, was ich bisher gewohnt war. Man erlebte Annes Leben mit ihr, wie sich alles entwickelte und zuspitzte.

Jetzt, wo ich die Produktion zu Das Tagebuch der Anne Frank im Theater begleiten darf, sehe ich alles noch einmal von einer ganz anderen Seite. Im Stück wird wunderbar gezeigt, dass Anne auch irgendwo ein ganz normales Mädchen war. Sie hatte Freunde, nervige Eltern, gute und schlechte Tage sowie alle Gefühle, die jedes Mädchen in ihrem Alter erlebt – auch das fand Platz in ihrem Tagebuch.

Und genau das macht Anne so greifbar für mich. Deshalb sind sie und ihre Geschichte heute immer noch so wichtig.

Anne war ein ganz normaler Mensch, unbeschwert und unschuldig. Anne repräsentiert alle anderen, die der schrecklichen Zeit des Nationalsozialismus zum Opfer fielen. Alle ganz normale Menschen, unbeschwert und unschuldig.

Und? Wie war’s?

Wie bereits von Nelly angekündigt, haben wir ein paar O-Töne unserer Premierenklasse eingefangen. Die wollen wir euch natürlich nicht vorenthalten:

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Alina:

Lisa:

Rosalie:

Pauline:

Das klingt erst mal nicht schlecht. Aber natürlich wollen wir uns auf den Lorbeeren nicht ausruhen. Also weiter geprobt!

Und ob sich das mit dem Tablet szenisch einlöst, dass müsst ihr in der Vorstellung selbst entscheiden. Wir sind gespannt!