Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar

Am Theater arbeiten wir häufig mit dem schwer greifbaren:

Musik lässt sich vor allen Dingen herstellen und hören, sie zu beschreiben ist ungemein schwieriger, Korrekturen werden meist nicht nur beschrieben, sondern auch „vorgesungen“.

Auch Gesten und noch mehr Ausstrahlung lassen sich schwer beschreiben, vor- und nachspielen sowie ausprobieren bestimmen viele Proben.

Und die abstrakte Idee hinter einer Inszenierung kann man zwar kommunizieren, ihre Umsetzung findet aber eben in anderen Sprachen (Bild, Geste, Ton …) statt.

 

Trotzdem bleibt uns zur Kommunikation nur die Sprache. Entsprechen vollgespickt sind die Produktionsbücher.

 

Notizen

Und individuell 😉 Ratet mal, zu wem welche Notizen gehören.

„Das klingt wie Schnee“

Wir haben eine Premierenklasse!!

Das ist eine Klasse, die die Produktion von der Konzeptionsprobe bis zur Premiere begleitet. Sich mit dem Regieteam trifft, Proben besucht, mit der Materie beschäftigt. Premierenklassen gibt es am Theater Plauen-Zwickau regelmäßig, unsere ist der Deutsch-LK des Lessing-Gymnasiums unter Leitung von Herrn Bär.

premklasse-pl-2

Letzten Dienstag fand das erste Treffen statt. Wir, Sascha, Charlie und Vera, waren dank Baustellenstau auf der Autobahn zu spät (it seems to be a theme …). Als wir ankamen, waren alle schon unter Anleitung unserer Theaterpädagogin Steffi Liedtke fleißig dabei, aufzuschreiben, was sie über Anne Frank wissen.

Wie sich herausstellte, ganz schön viel:

PremKlasse Anne Zettel lebte im Hinterhaus mit Teils fremden Menschen Jüdin Niederlande „Liebste Kitty“ Krankheit im KZ Drehschrank Mortje Vernichtung/ Vernichtungslager erste Liebe /Streit/Auseinandersetzung mit Familie/Erwachsenen dunkle, kurze, gewellte Haare ANGST Shoah Weltliteratur Antisemitismus Schullektüre wurde entdeckt Vater hat Tagebuch veröffentlicht Vater halt als Einziger überlebt Nationalsozialismus Margot (Schwester) • nicht: Oper

Der Hintergrund war also bekannt, die Oper weniger. Deshalb erzählten wir von unseren Ideen für Bühnenbild und Regie, was uns am Mythos Anne Frank und an Grigori Frids Oper besonders interessiert.

Unsere Begeisterung für Frids Musik traf auf offene Ohren. Sascha spielte ein paar Szenen an und wir bekamen tolle Anregungen, was sich da hören ließ. Etwa die Verzweiflung und Angst Annes, wenn ein Einbrecher oder Lagerarbeiter nachts durch Haus streift (wandernde Schritte im Bass) oder der Klang der Außenwelt, das Fallen von Schnee, wenn sie aus dem Fenster schaut (tropfende Klänge in Flöten und Glockenspiel).

Aber natürlich waren wir auch da, um Fragen zu beantworten. Die drehten sich vor allem um den Realitätsbezug der Ausstattung. Wie ihr spätestens in der Vorstellung merken werdet – wenn unsere Posts es bis dahin nicht längst in den Äther gesendet haben – wird diese Inszenierung nicht versuchen, das Beschriebene naturalistisch nachzustellen. Bühne und Kostüm sind minimalistisch, die Figurenführung schwankt zwischen Identifikation und Abstraktion. Von einem Fotorealismus, wie er sich etwa in historischen Filmen findet, sind wir also weit entfernt.
Diesen wünschten sich allerdings einige Schüler*innen. Einige hatten den aktuellen Film gesehen und konnten dort in die Welt Annes sehr gut eintauchen. Warum versuchten wir es also nicht? Auch gerade bei einem historisch bedeutsamen Thema wie diesem sei es besser, die Geschehnisse möglichst realitätsgetreu auf die Bühne zu bringen. Sollten wir nicht lieber diesen Weg gehen?

Meine persönliche Antwort lautet nein. Die naturalistische Darstellung eines beengten Verstecks das real existiert, muss immer scheitern. Entweder man steht tatsächlich in den engen Räumen des Hinterhauses oder man tut es nicht. Theater überhöht, es verfremdet, selbst und gerade, wenn wir es als realistisch wahrnehmen. Es bearbeitet Themen. Es ist sicherlich keine Dokumentationsmedium. Daher halte ich es für interessanter und ehrlicher, dieser Überhöhung und Ästhetisierung nachzugehen und zu sehen, wohin sie führt.

Was denkt ihr dazu?

 

Mein blaues Knie

Konzeptionsprobe Das Tagebuch der Anne Frank. Dienstag, der 13. September 2016, 18 Uhr. Theater in der Mühle. Alle sind da und warten.
Alle?
Nein: Dramaturgie, Ausstattung und Regie fehlen.
Einfach nicht da.
Das fängt schon mal gut an!

Verdammt, ich bin zu spät! Ich bin nämlich die Regie und spute mich, mit meinem Team noch einigermaßen pünktlich aufzuschlagen, aber die asiatische Gelassenheit der Kellnerin hat diesen Versuch schon vor mehr als fünf Minuten scheitern lassen.
Man mag es mir glauben oder nicht, aber ich hasse es generell, zu spät zu kommen und natürlich auch, wenn andere zu spät sind.
Zwei Momente Nähkästchen: Konzeptionsproben sind unter normalen Umständen schon eine psychische Ausnahmesituation. Man kommt an einen fremden Ort, kennt dort zumeist niemanden, versucht seine Ideen zu vertreten und möchte zeitgleich in wenigen Sekunden realisieren, mit wem man es zu tun hat und folglich wie die nächsten Wochen wohl laufen könnten. Man kommt sich während der Proben schnell nahe, zumal wenn es um ein Thema wie Anne Frank geht. Für den ersten Eindruck gibt es eigentlich keine zweite Chance. Das erzeugt Druck. Vermutlich nicht nur auf meiner Seite. Nähkästchen zu.

0913spät_Maxim_Konzeption_001

Wir drei stolpern also in den Raum, grüßen kurz ins Plenum und ich fange an zu reden. Was eigentlich als logische Abfolge verschiedener Fakten und Gedanken von meinem Hirn vorbereitet und von meiner Hand in einem Notizbuch am Vormittag fixiert wurde, kommt nun einmal ordentlich durchgemixt aus meinem Mund. Ich rede und rede und …
Plötzlich ein Blick: Wer sind eigentlich die Leute, die da hinten sitzen? Vielleicht hätte man doch eine Vorstellungsrunde machen sollen wie geplant? Nicht für die Anwesenden, aber für mich.
Doch ehe mein Kopf den Gedanken aufgreifen kann, ist der Mund schon drei Sätze weiter, spricht über den Mythos Anne Frank, die heutige Mona Lisa, die Projektionsfläche. Ach ja, apropos Projektion: Video haben wir auch. Nein, ansonsten gibt es nichts auf der Bühne, abgesehen von Tablet, Sitzwürfel, Papier und Klebeband.
Nach und nach können sich die Zuhörer kreativ ein Gesamtbild des Konzeptes aus den Versatzstücken zusammenzimmern.
Sonst noch Fragen?
Ach ja: der Blog.
Während über ihn und die Vernetzung mit der Theaterpädagogik und den Jugendlichen gesprochen wird, lasse ich die vergangenen Minuten Revue passieren und schlage die Hände über dem Kopf zusammen – innerlich natürlich.

0913spät_Maxim_Konzeption_002

Der Raum leert sich, Konzeption vorbei, Hürde eins genommen.
Nun ja, eher voll reingesprungen, aber irgendwie doch mit einem blauen Knie drüber gekommen.
Jetzt zum Eigentlichen: Die erste szenische Probe.
Durchatm… Und los!
„Am Freitag wachte ich schon um sechs Uhr auf…“

 

Nachtrag: Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme erst ab der zweiten Probe dazu.
(in variationem: Ödön von Horváth)