Annes Tagebuch LV

Freitag 26. Mai 1944.

Liebste Kitty,

Ich frage mich immer wieder ob es nicht besser für uns alle gewesen wäre wenn wir nicht untergetaucht wären, wenn wir nun tot wären und dieses Elend nicht mitmachten und vor allem den anderen ersparten. Aber auch davor schaudern wir alle zurück, wir lieben das Leben noch, wir haben die Stimme der Natur noch nicht vergessen, wir hoffen noch, hoffen auf alles.

deine Anne M. Frank.

Annes Tagebuch LII

Samstag 30. Jan.
1943.

Liebe Kitty,

Jeder findet mich übertrieben wenn ich rede, lächerlich wenn ich schweige, frech wenn ich Antwort gebe, gerissen wenn ich eine gute Idee habe, faul wenn ich müde bin, egoistisch wenn ich ein Bisschen zuviel esse, dumm, feige, berechnend usw. usw.
Den ganzen Tag höre ich nichts anderes als daß ich ein unausstehlicher Fratz bin, und obwohl ich darüber lache, tue als ob ich mir nichts daraus mache, macht es mir sehr wohl etwas aus, würde ich Gotte bitten wollen mit eine andere Natur zu geben, die alle Menschen nicht gegen mich in Harnisch bringt.
Es geht nicht, meine Natur ist mir gegeben und ich kann nicht schlecht sein, ich fühle es. Ich gebe mir mehr Mühe es allen recht zu machen als sie auch nur im entferntesten vermuten, ich versuche oben zu lachen weil ich ihnen meinen Verdruß nicht zeigen will.

Annes Tagebuch LI

Mittwoch 3. Mai 1944.

Seit Samstag (vor zwei Wochen) haben wir an diesem Tag geluncht um halb 12 mittags; morgens mußten wir es also mit einer Tasse Brei aushalten. Ab morgen soll das jeden Tag so sein, das nützt um eine Mahlzeit zu sparen. Gemüse ist noch immer sehr schwer zu bekommen, faulen Kochsalat hatten wir heute mittag. Normaler Salat, Spinat und Koch-Salat, sonst gibt es nichts. Dazu noch faule Kartoffeln also eine herrliche Zusammenstellung!

Annes Tagebuch XLVIX

7. Okt. 1942.
Mittwoch.

Ich bilde mir nun ein daß … ich in die Schweiz gehe und alles mitnehme auch die Möbel und Geld. Wir kommen dort an Papa und ich schlafen in 1 Zimmer während das Studierzimmer der Jungen mein Zimmer wird wo ich sitze und meine Gäste empfange. Dort haben sie als Überraschung neue Möbel gekauft und Teetisch, Schreibtisch, Sesseln und Divan, einfach großartig. Nach ein paar Tagen gibt Papa mir f150 Gulden umgerechnet natürlich aber ich werde einfach Gulden sagen und sagt daß ich dafür alles kaufen soll ausschließlich für mich selbst was ich für nötig halte diese darf ich unverzüglich ausgeben, ich bekomme dann jede Woche f1, dafür kann ich mir dann kaufen was ich selbst will. […]
Mit Privatstunden habe ich die Schule eingeholt und kann auch genügend Französisch und Deutsch um mitzukommen, wobei ich auch ganz hübsch Schweizerdeutsch kann. Ich komme in die zweite Klasse Lyceum mit netten Jungen und Mädchen wo ich bald Kitty aufstöbere ein nettes Mädchen von 14 Jahren wir werden dicke Freundinnen.

Annes Tagebuch XLVIII

Donnerstag 11. Mai 1944.

Dann warten Theseus, Ödipus, Peleus, Orpheus, Jason und Herkules auf ein gründliches Ordnungsmachen, da verschiedene ihrer Taten wie bunte Fäden in einem Kleid, in meinem Kopf durcheinander liegen, auch Myron und Phidias müssen dringend einer Behandlung unterzogen werden, wollen sie nicht ganz aus ihrem Zusammenhang geraden. Ebenso geht es z.B. mit dem Sieben- und dem Neunjährigen Krieg, ich bekomme auf diese Art alles durcheinander. Ja, was soll man auch mit so einem Gedächtnis anfangen! Stell dir mal vor, wie vergesslich ich sein werde wenn ich 80 bin!

Annes Tagebuch XLVII

Freitag 5. Febr. 1943

Liebe Kitty,
Auch Peter wie still auch meistens, gibt manchmal Grund zur Fröhlichkeit. Er hat das Unglück versessen auf fremde Wörter zu sein, aber deren Bedeutung nicht zu kennen. An einem Nachmittag als wir wegen Besuch im Büro nicht auf die Toiletten gehen konnten, mußte er doch sehr dringend hin, zog jedoch nicht ab. Um uns nun vor einem weniger angenehmen Geruch zu warnen, befestigte er einen Zettel an der W.C. Tür mit »S.V.P. Gas« darauf. Er wollte natürlich dranschreiben »Vorsichtig, Gas,« fand aber s.v.p. vornehmer. Daß es bitte bedeutet, davon hatte er keine blasse Ahnung.

deine Anne.