Annes Tagebuch LV

Freitag 26. Mai 1944.

Liebste Kitty,

Ich frage mich immer wieder ob es nicht besser für uns alle gewesen wäre wenn wir nicht untergetaucht wären, wenn wir nun tot wären und dieses Elend nicht mitmachten und vor allem den anderen ersparten. Aber auch davor schaudern wir alle zurück, wir lieben das Leben noch, wir haben die Stimme der Natur noch nicht vergessen, wir hoffen noch, hoffen auf alles.

deine Anne M. Frank.

Annes Tagebuch LI

Mittwoch 3. Mai 1944.

Seit Samstag (vor zwei Wochen) haben wir an diesem Tag geluncht um halb 12 mittags; morgens mußten wir es also mit einer Tasse Brei aushalten. Ab morgen soll das jeden Tag so sein, das nützt um eine Mahlzeit zu sparen. Gemüse ist noch immer sehr schwer zu bekommen, faulen Kochsalat hatten wir heute mittag. Normaler Salat, Spinat und Koch-Salat, sonst gibt es nichts. Dazu noch faule Kartoffeln also eine herrliche Zusammenstellung!

Annes Tagebuch XLVIII

Donnerstag 11. Mai 1944.

Dann warten Theseus, Ödipus, Peleus, Orpheus, Jason und Herkules auf ein gründliches Ordnungsmachen, da verschiedene ihrer Taten wie bunte Fäden in einem Kleid, in meinem Kopf durcheinander liegen, auch Myron und Phidias müssen dringend einer Behandlung unterzogen werden, wollen sie nicht ganz aus ihrem Zusammenhang geraden. Ebenso geht es z.B. mit dem Sieben- und dem Neunjährigen Krieg, ich bekomme auf diese Art alles durcheinander. Ja, was soll man auch mit so einem Gedächtnis anfangen! Stell dir mal vor, wie vergesslich ich sein werde wenn ich 80 bin!

Annes Tagebuch XLII

Mittwoch 3. Mai 1944.

Ich bin oft niedergeschlagen gewesen, aber nie verzweifelt, ich betrachte dieses Verstecken als ein gefährliches Abenteuer, das romantisch und interessant ist. Ich betrachte jede Entbehrung wie eine Unterhaltung in meinem Tagebuch. Ich habe mir nun mal vorgenommen daß ich ein anderes Leben führen werde als andere Mädchen und später ein anderes Leben als normale Hausfrauen. Dies ist der richtige Anfang des Interessanten und darum, darum nur muß ich in den gefährlichsten Augenblicken lachen über die drollige Situation.
Ich bin jung und besitze noch viele verschlossene Eigenschaften, ich bin jung und stark und erlebe das große Abenteuer, ich sitze noch mitten drin und kann nicht den ganzen Tag klagen, weil ich nicht als mich amüsieren kann!

Annes Tagebuch XXXIX

Donnerstag 6-Januar 1944.

Ich habe im Spiegel mein Gesicht gesehen und das sieht so anders aus, als sonst. Meine Augen sind so klar und so tief, meine Wangen sind, was seit Wochen nicht passiert ist, rosig gefärbt, mein Mund ist viel weicher, ich sehe aus als ob ich glücklich bin und doch ist etwas Trauriges in meinem Ausdruck, mein Lächeln gleitet sofort von meinen Lippen weg.