Annes Tagebuch LII

Samstag 30. Jan.
1943.

Liebe Kitty,

Jeder findet mich übertrieben wenn ich rede, lächerlich wenn ich schweige, frech wenn ich Antwort gebe, gerissen wenn ich eine gute Idee habe, faul wenn ich müde bin, egoistisch wenn ich ein Bisschen zuviel esse, dumm, feige, berechnend usw. usw.
Den ganzen Tag höre ich nichts anderes als daß ich ein unausstehlicher Fratz bin, und obwohl ich darüber lache, tue als ob ich mir nichts daraus mache, macht es mir sehr wohl etwas aus, würde ich Gotte bitten wollen mit eine andere Natur zu geben, die alle Menschen nicht gegen mich in Harnisch bringt.
Es geht nicht, meine Natur ist mir gegeben und ich kann nicht schlecht sein, ich fühle es. Ich gebe mir mehr Mühe es allen recht zu machen als sie auch nur im entferntesten vermuten, ich versuche oben zu lachen weil ich ihnen meinen Verdruß nicht zeigen will.

Annes Tagebuch XLVII

Freitag 5. Febr. 1943

Liebe Kitty,
Auch Peter wie still auch meistens, gibt manchmal Grund zur Fröhlichkeit. Er hat das Unglück versessen auf fremde Wörter zu sein, aber deren Bedeutung nicht zu kennen. An einem Nachmittag als wir wegen Besuch im Büro nicht auf die Toiletten gehen konnten, mußte er doch sehr dringend hin, zog jedoch nicht ab. Um uns nun vor einem weniger angenehmen Geruch zu warnen, befestigte er einen Zettel an der W.C. Tür mit »S.V.P. Gas« darauf. Er wollte natürlich dranschreiben »Vorsichtig, Gas,« fand aber s.v.p. vornehmer. Daß es bitte bedeutet, davon hatte er keine blasse Ahnung.

deine Anne.

Annes Tagebuch XLIII

Samstag 27. Mrz. 1943.

Liebe Kitty,
Der Steno Kurs ist fertig, wir fangen nun an Geschwindigkeit zu üben, was werden wir klug! Um dir weiter noch mal was von meinen Totschlagbeschäftigungen (das nenne ich so weil wir nichts anderes tun als die Tage so schnell wie möglich vorbeigehen zu lassen, so daß das Ende der Versteckzeit schnell näher kommt) zu erzählen. Ich bin versessen auf Mythologie und am meisten auf griechische und römische Götter. Hier denken sie daß es vorübergehende Neigungen sind, sie haben noch nie von einem Backfisch mit Götter-Würdigung gehört. Nun, dann bin ich die erste!

Annes Tagebuch II

2. Mai 1943.
Sonntag.

Wenn ich mal überlege, wie wir hier leben, komme ich meistens zu dem Schluß daß wir es im Verhältnis zu anderen Juden, die sich nicht verstecken, wie in einem Paradies haben, aber daß ich später wenn alles wieder normal [ist] doch verwundert sein werden wie wir, die es doch zu Hause sehr ordentlich hatten, so, ja man kann wohl sagen, heruntergekommen sind.
[…]
Mutter und Margot sind den ganzen Winter zusammen mit 3 Hemden ausgekommen und die meinen sind so klein daß sie mir noch nicht mal bis an den Bauch reichen. Das sind nun zwar alles Dinge über die man hinwegsehen kann, aber trotzdem überlege ich manchmal mit Schrecken, wie wollen wir […] später wieder einmal zu unserem Vorkriegsstand gehören können?