Das Stück

Das Tagebuch

In vielerlei Hinsicht bewegen die Tagebucheinträge von Anne Frank seit der Veröffentlichung im Jahr 1947 Generationen von Lesern in aller Welt. Es offenbart sich ein bewegendes, intimes und zugleich authentisches Zeugnis über das Leben und Überleben unter der NS-Herrschaft. Anne Franks Tagebuch dokumentiert eindrücklich das Schicksal einer von den Nationalsozialisten verfolgten Familie und der Sehnsucht einer sensiblen Jugendlichen nach einem normalen Leben jenseits des Terrors.
Anne Frank wurde am 12. Juni 1929 in Frankfurt am Main geboren. Nach der Machtergreifung der Nazis floh die deutsch-jüdische Familie Frank nach Amsterdam, wo sie nach der Besetzung der Niederlande durch die deutsche Wehrmacht ab Mai 1940 der Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt war.
Zu ihrem 13. Geburtstag, im Juni 1942, bekommt Anne von ihrem Vater ein Tagebuch geschenkt. Als Margot Frank, Annes ältere Schwester, im Juli 1942 die Aufforderung erhält, sich in Deutschland in einem „Arbeitslager“ zu melden, versteckt sich die Familie im Hinterhaus des ehemaligen Betriebs Otto Franks. Fortan hält Anne alles in ihrem Tagebuch fest. Als im August 1944 die Familie verhaftet und nach Auschwitz deportiert wird, bleibt das Tagebuch im Haus zurück. Im Februar 1945 stirbt Anne Frank im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Typhus.
Als einziger Überlebender der Familie veröffentlichte Anne Franks Vater das Tagebuch 1947 zunächst in niederländischer Sprache, 1950 erschien die deutsche Übersetzung. Im Jahr 2009 wurde Anne Franks Tagebuch durch die UNESCO in das Weltdokumentenerbe aufgenommen, bisher in über 70 Sprachen übersetzt und weltweit mehr als 20 Millionen Mal verkauft.

Der Komponist

Der russische Komponist Grigori Frid wurde 1915 im heutigen St. Petersburg geboren. Der Sohn eines Literaturjournalisten und einer Pianistin flüchtete im Bürgerkrieg mit seiner Familie in verschiedene russische Städte, 1927 folgten sie dem nach Sibirien verbannten Vater. Ein Großteil seiner Angehörigen kam unter Stalin um. 1935 beendete Frid sein Studium am Konservatorium in Moskau, wo er von 1936 bis 1939 Musiktheorie und von 1947 bis 1961 an der Musikschule des Konservatoriums Komposition unterrichtete. Im Krieg war Frid in Frontensembles und als Sanitäter beschäftigt. 1965 gründete er den Moskauer Jugend-Musik-Klub, den er jahrzehntelang leitete. Frid ist verdienter Kunstschaffender (1986) und Moskau-Preisträger (1996). Er machte sich auch als Maler und Schriftsteller einen Namen und komponierte zahlreiche Werke. 2012 starb Frid in Moskau.

Die Oper

1969 liest Frid Das Tagebuch der Anne Frank. Er beginnt sogleich mit der Arbeit zu einem Libretto. Seine Monooper Das Tagebuch der Anne Frank wird 1972 zunächst nur mit Klavier, 1977 mit vollem Orchester uraufgeführt. 1978 lässt Frid die Partitur in die USA schmuggeln, wo die Oper an der Universität von Syracuse aufgeführt wird. Nach dem Ende des Kalten Krieges wird die Oper ins Englische übersetzt. Die deutsche Übersetzung feiert 1993 Premiere.
Die Monooper unterscheidet sich grundlegend von anderen Adaptionen des Tagebuchs, da sie sich allein auf die Figur Annes konzentriert: Anne tritt als einzige Figur leibhaftig auf, das Libretto basiert direkt auf ihrem Tagebuch, entsprechend fehlen Dialoge oder Schilderungen durch die Augen der anderen Untergetauchten. Stattdessen liegt die Schilderung von Annes Umwelt und ihrer Interaktion mit selbiger in der Musik.

Die Musik

Grigori Frids Musik zeichnet sich durch intellektuelle und psychologische Tiefe und einem feinen Gefühl für Humor aus. Er verknüpft serielle und tonale Verfahrensweisen, arbeitet mit Leitmotiven, Clustern und anderen modernen Techniken. Frid verwendet die konkreten Noten A und F im Stück symbolhaft für den Namen Anne Frank. Seine Zwölfton-Strukturen können fast leitmotivisch gewertet werden. Auch in der Kompositionsform: häufige Fugati (von fugare = fliehen) und Tonwiederholungen sind inhaltlich gemeint. Trotzdem: seine Atonalität sucht immer wieder harmonische Heimat. Der musikalische Rhythmus wird, „Pierrot Lunaire“-ähnlich, vom Text diktiert.