Malsaal

Unter normalen Umständen, aber in dieser Spielzeit *1 im Besonderen, wechseln immer mal wieder die Probenorte. Gestern waren wir in der neuen Interimsspielstätte „Ehemaliger Malsaal“, die über den Sommer wirklich toll ausgebaut worden ist. Bin sehr gespannt, wie unser Publikum die Atmosphäre aufnehmen wird. Außerdem sehr glücklich: mein Lieblingsklavier aus dem Haupthaus ist nun hier zum Probenklavier geworden, und als reiche das nicht, wurde die Mechanik über den Sommer auch renoviert. Das ermöglicht solch intensive Proben, wie eine gestern Abend stattgefunden hat…!

Große Augen
vis-à-vis

*1 Siehe Homepage des Theaters Plauen-Zwickau für Informationen über die Interimsspielstätten der nächsten Jahre.

Mein blaues Knie

Konzeptionsprobe Das Tagebuch der Anne Frank. Dienstag, der 13. September 2016, 18 Uhr. Theater in der Mühle. Alle sind da und warten.
Alle?
Nein: Dramaturgie, Ausstattung und Regie fehlen.
Einfach nicht da.
Das fängt schon mal gut an!

Verdammt, ich bin zu spät! Ich bin nämlich die Regie und spute mich, mit meinem Team noch einigermaßen pünktlich aufzuschlagen, aber die asiatische Gelassenheit der Kellnerin hat diesen Versuch schon vor mehr als fünf Minuten scheitern lassen.
Man mag es mir glauben oder nicht, aber ich hasse es generell, zu spät zu kommen und natürlich auch, wenn andere zu spät sind.
Zwei Momente Nähkästchen: Konzeptionsproben sind unter normalen Umständen schon eine psychische Ausnahmesituation. Man kommt an einen fremden Ort, kennt dort zumeist niemanden, versucht seine Ideen zu vertreten und möchte zeitgleich in wenigen Sekunden realisieren, mit wem man es zu tun hat und folglich wie die nächsten Wochen wohl laufen könnten. Man kommt sich während der Proben schnell nahe, zumal wenn es um ein Thema wie Anne Frank geht. Für den ersten Eindruck gibt es eigentlich keine zweite Chance. Das erzeugt Druck. Vermutlich nicht nur auf meiner Seite. Nähkästchen zu.

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Wir drei stolpern also in den Raum, grüßen kurz ins Plenum und ich fange an zu reden. Was eigentlich als logische Abfolge verschiedener Fakten und Gedanken von meinem Hirn vorbereitet und von meiner Hand in einem Notizbuch am Vormittag fixiert wurde, kommt nun einmal ordentlich durchgemixt aus meinem Mund. Ich rede und rede und …
Plötzlich ein Blick: Wer sind eigentlich die Leute, die da hinten sitzen? Vielleicht hätte man doch eine Vorstellungsrunde machen sollen wie geplant? Nicht für die Anwesenden, aber für mich.
Doch ehe mein Kopf den Gedanken aufgreifen kann, ist der Mund schon drei Sätze weiter, spricht über den Mythos Anne Frank, die heutige Mona Lisa, die Projektionsfläche. Ach ja, apropos Projektion: Video haben wir auch. Nein, ansonsten gibt es nichts auf der Bühne, abgesehen von Tablet, Sitzwürfel, Papier und Klebeband.
Nach und nach können sich die Zuhörer kreativ ein Gesamtbild des Konzeptes aus den Versatzstücken zusammenzimmern.
Sonst noch Fragen?
Ach ja: der Blog.
Während über ihn und die Vernetzung mit der Theaterpädagogik und den Jugendlichen gesprochen wird, lasse ich die vergangenen Minuten Revue passieren und schlage die Hände über dem Kopf zusammen – innerlich natürlich.

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Der Raum leert sich, Konzeption vorbei, Hürde eins genommen.
Nun ja, eher voll reingesprungen, aber irgendwie doch mit einem blauen Knie drüber gekommen.
Jetzt zum Eigentlichen: Die erste szenische Probe.
Durchatm… Und los!
„Am Freitag wachte ich schon um sechs Uhr auf…“

 

Nachtrag: Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme erst ab der zweiten Probe dazu.
(in variationem: Ödön von Horváth)