Was bisher geschah …

Liebe Anne,

vor dieser Produktion habe ich mich nicht näher mir dir beschäftigt. Ich wusste natürlich, wer du bist und wie es dir in deinem Leben ergangen war, aber ich hatte dein Tagebuch selbst nie gelesen. Für mich warst du eine Ikone, ein Schlagwort, mit dem gerne das „Dritte Reich“ zusammengefasst wurde. Eine Figur, die den meisten zumindest einmal im Unterricht begegnete, wenn auch nicht mir selbst.

Meine Beschäftigung mit der Zeit des Nationalsozialismus begann schon früh. Meine Mutter war und ist Mitglied in der VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten) und setzte sich intensiv mit dem Thema auseinander. Als ich in der Grundschule war, kam immer wieder eine Gruppe Leute bei uns zu Besuch, die viel miteinander sprach und einer sehr netten älteren Dame zuhörte. Diese erzählte aus ihrem Leben. Und ich durfte auf ihrem Schoß sitzen! Irgendwann kam allerdings immer der Punkt, an dem ich weggeschickt wurde. Ich begriff erst viel später, dass sie dann von dem Grauen des KZ Ravensbrück berichtete, in dem sie 1944 bis Kriegsende inhaftiert gewesen war. Trotz dieser Aussparungen erfuhr ich schon viel über ihre Lebensgeschichte, dass sie verhaftet wurde, weil sie sich als judith-u-lisaKrankenschwester weigerte, die von ihr bedreuten behinderte Kinder für die Euthanisierung „versandfertig“ zu machen, den Zufall, der sie im Lager vor den Gasduschen rettete, ihre Frustration und Wut über die Menschen in der Nähe der Lager, die später sagten, sie hätten nichts gewusst. Ihr Name war Lieselotte Thumser-Weil. Sie schenkte mir mein erstes Buch zum Nationalsozialismus, ein Kinderbuch über die (realistische) Freundschaft zwischen einem „arischen“ und einem „jüdischen“ Mädchen. 1995 ist Lieselotte gestorben.

In der 12. Klasse bin ich mit der Schule auf Studienfahrt nach Oświęcim zu den Konzentrations- und Vernichtungslagern Ausschwitz und Birkenau gefahren. Wir haben zwei Wochen in den alten SS-Kasernen gewohnt (heute gibt es ein Stück entfernt eine Internationale Jugendbegegnungsstätte, in der Gruppen untergebracht werden) und uns in verschiedenen thematischen Gruppen mit den Lagern und der Judenvernichtung beschäftigt. Ich war in der Fotogruppe.

 

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Die Fahrt nach Ausschwitz ist die einzige Zeit meines Lebens, in der ich selbst Tagebuch geschrieben habe. (Unsere Lehrer hatten es uns nahe gelegt, um die Eindrücke zu verarbeiten, und es war bitter notwendig.) Durch die Produktion habe ich es jetzt nach über 10 Jahren wieder gelesen. Es kommt mir unglaublich vertraut und fremd zugleich vor. Einige Passagen erinnere ich deutlich, andere, vor allem die ersten emotionalen Reaktionen, hatte ich verdrängt.
Bist du dir auch zu gleichen Teilen wie du selbst und eine andere vorgekommen, als du dein Tagebuch wiedergelesen hast? Deinen Einträgen zufolge ja. Wie wäre es gewesen, wenn du die Chance gehabt hättest, dein Tagebuch nach dem Krieg, gerettet, noch einmal zu lesen? Es selbst zu redigieren?

Einen Satz, den ich von allen Überlebenden gehört habe, die ich kannte (die Vergangenheitsform ist leider notwendig), lautet: „Wir dürfen nicht vergessen.“ Damit sich ein solches Leid nicht wiederholt. Und damit wir das Leid der Vernichteten achten. Dein Tagebuch ist für neue Generationen immer wieder ein erster Schritt auf dem Weg, nicht zu vergessen.